Hana Shaikholeslami Kordestan

2006

Herrlich an jenem merkwürdigen Aprilmorgen 1931 war schon die nasse, aber bereits wieder durchsonnte Luft. Wie ein Seidenbonbon schmeckte sie süß, kühl, feucht und glänzend, gefilterter Frühling, unverfälschtes Ozon,...

Aber die Straße warf mir vorerst nichts zu, und nach einer halben Stunde wurden meine Augen der vorbeigewirbelten Massen müde, ich nahm nichts einzelnes mehr deutlich wahr. Die Menschen, die der Boulevard vorbeispülte, begannen für mich ihre Gesichter zu verlieren,...

Die Hände verschwanden ganz unter den überhängenden Ärmeln,...

Es war wie der Blitz eines photographischen Verschlusses.

Denen jahrzehntelange Armut die Schultern drückt.

Ich war, man verzeihe es mir, von dieser meiner Entdeckung geradezu begeistert. Denn noch nie in meinem Leben hatte ich einen Taschendieb gesehen.

Ich hatte bloß einen Angeklagten, einen Verurteilten gesehen und nicht wirklich den Dieb.
Denn ein Dieb ist doch Dieb nur eigentlich in dem Augenblick, da er diebt, und nicht zwei Monate später, da er für seine Tat vor dem Richter steht,...

..., was für eine furchtbare und grauenhaft anspannende Kunst der Taschendiebstahl auf offener Straße und bei hellem Tageslicht ist.

Oben an dem Rock ist ein Glöckchen befestigt, und wenn, während der Neuling das Tuch aus der Tasche zieht, dieses Glöckchen klingelt,...

Er kann sich nicht rühren.

Zum Teufel, fass doch endlich einmal straff zu, Hasenfuß! Hab doch mehr Mut!
Den dort nimm, den dort! Aber nur endlich einmal los!

So war Mittag geworden.

..., tauchte mein kleiner Goldfisch im kanarieengelben Überzieher bald da,...

Neben ihm stand eine gewöhnlich dicke Frau, eine sichtlich arme Person. An der rechten Hand hielt sie zärtlich ein etwa elfjähriges blasses Mädchen, am linken Arm trug sie eine offene Einkaufstasche aus billigem Leder,...

Ein Dieb, der Milch trinkt!

Du hast keine Kraft mehr in dir, keinen Elan, du bist müde, und was man in der Kunst mit Müdigkeit beginnt, ist immer schlecht getan.
Ruh dich lieber aus, leg dich ins Bett, armer Mensch: nur heute nichts mehr, nur nicht heute!

..., für einen Augenblick kam Luft in die gepresste Menge.

Jedoch zu spät! Das Kanariengelbe Mäntelchen war verschwunden.
Es steckte irgendwo unsichtbar in der Masse, niemand wusste von seiner gefährlichen Gegenwart, nur ich allein,...

Im gleichen Augenblick schaute er zu mir herüber.

..., was wird er jetzt beginnen?

..., flatterte das kanariengelbe Mäntelchen schon die Treppe hinab in die Unerreichbarkeit der menschendurchfluteten Straße, und unvermutet, wie sie begonnen, war meine Lehrstunde zu Ende.